
Portait: Benjamin Graham
Buffett sagt über seinen eigenen Investmentstil:
„Ich bin 85% Benjamin Graham und zu 15% Fisher. Als ich Fisher traf, war ich von dem Mann genauso beeindruckt wie von seinen Ideen. Fisher war bescheiden, ähnlich wie Ben Graham, großzügig im Geist und ein außergewöhnlicher Lehrer. Obwohl Grahams und Fishers Anlagestrategie unterschiedlich ist, ist sie beim Investieren gleich.“
Benjamin Graham (1894–1976) gilt als der Urvater der Wertpapieranalyse, insbesondere des Value-Investments. Er wird als der Papst der Finanzanalyse betrachtet. Seine Bücher sind Klassiker der Finanzliteratur. „Intelligent Investieren“, als Erstausgabe bereits 1949 erschienen, ist auch heute noch ein Bestseller. Graham machte erstmalig aus der Thematik der Geldanlage eine regelrechte Wissenschaft mit nachvollziehbaren Regeln.
Die Popularität Grahams, wie auch des Value-Investments, schwankt sehr stark mit den Aktienkursen. Bei steigenden Kursen werden Graham und sein Value-Ansatz oft vergessen, fallen sie, studieren die Analysten wieder seine Werke. Dies war auch in der jüngsten Börsenentwicklung wieder gut zu beobachten. Gerade seit dem Platzen der Technologieblase konzentrieren sich viele Investoren und Analysten nun wieder auf die wahren Werte, auf Value.
Benjamin Graham führte ein wechselvolles und schillerndes Leben. 1894 wurde er als Benjamin Grossbaum in London geboren. Die Familie wanderte aber bald nach New York aus und änderte während des ersten Weltkrieges ihren Namen in Graham. Deutsche Namen waren zu dieser Zeit in den USA sehr unpopulär. Sein Vater starb, als Ben erst 9 Jahre alt war. Die Familie war nicht versorgt, und so musste Ben mit Gelegenheitsjobs seine Familie und später sein Studium finanzieren. Er verfügte über eine umfassende Bildung und sprach Latein, Portugiesisch und Griechisch.
Privat liebte Graham den Tanz und gab einen großen Teil seines Geldes für die Unterrichtsstunden aus. Was seine Fangemeinde – meist konservative Anleger – bis heute irritiert, ist das Liebesleben ihres Lehrmeisters. Graham war dreimal geschieden und starb 1976 in Frankreich. Stabile Beziehungen fielen ihm sehr schwer. Eine bittere Erfahrung und Erkenntnis war, dass er trotz der 5 Kinder und 10 Enkelkinder niemals von ihnen um Rat gefragt wurde.
Der Börsencrash 1929
Als 20jähriger begann seine Laufbahn an der Wall Street. Für einen Wochenlohn von 12 $ schrieb er die Kurse von Aktien und Anleihen mit Kreide auf eine Tafel. Danach begann er mit der Bilanzanalyse, was zu diesem Zeitpunkt noch unüblich war. Zunehmend drängten nun aber die Banken auf fundierte Unternehmensanalysen.
1926 gründete Graham seine eigene Investmentgesellschaft. Das ihm anvertraute Vermögen wuchs von 450.000 $ bis zum Jahre 1929 auf 2,5 Mio $ an. Zu dieser Zeit kann sich der junge Graham leisten, ein Angebot des damals legendären Investors Bernard Baruch auszuschlagen.
Aber auch Graham wird von dem Börsencrash 1929 erwischt und ruiniert. Trotzdem – oder gerade deshalb – bewies er mit einem konservativen Ansatz, dass sorgfältig ausgewählte Aktien besser sind als Anleihen.
Zu Beginn der großen Weltwirtschaftskrise fällt 1929 der Dow-Jones-Index um 15%. Als sich die Kurse Anfang 1930 wieder erholen, setzt Graham zu 100% auf Aktien – der größte Fehler seiner Karriere. Bis Ende 1930 sackte der Dow Jones um weitere 30% ab. Grahams Investmentpool büßte ganze 50% ein und sehr viele Anleger zogen ihr Geld ab. Erst Ende der 1930er-Jahre konnte er die Verluste wieder aufholen. Graham war zweimal in seinem Leben finanziell am Ende. Das ist auch ein Grund für seine sicherheitsorientierte Strategie.
Grundlagen des Value Investing
Graham nutzte die schwere Zeit, um mit seinem ehemaligen Studenten David Dodd sein Hauptwerk „Security Analysis“ zu schreiben. Das Werk erschien bereits 1934 und liefert auch heute noch viele wertvolle Einblicke. Graham ist der Begründer der modernen Fundamentalanalyse.
Graham beginnt sein Werk mit dem Zitat:
„Viele werden wieder aufstehen, die jetzt gefallen sind, und viele werden fallen, die in Ehren stehen.“
Nach 4 Jahren Arbeit erschien das Werk inmitten der größten Depression und einer Kursflaute an der Börse. Damals lautete die herrschende Meinung, dass nur Anleihen seriöse Investments seien. Aktien galten als reine Spekulation. Graham bewies, dass Aktien keine Casinochips sind, sondern einen inneren, wahren Wert haben.
Sein Musterschüler, Warren Buffett, gibt sein Buch „The Intelligent Investor“ regelmäßig neu heraus und schreibt über das Buch: „Mit Abstand das beste Buch, dass jemals für den Anleger geschrieben wurde“. Buffett besuchte die Columbia Universität nur, um Grahams Vorlesungen zu hören.
Der innere Wert und die Sicherheitsmarge
In „Security Analysis“ werden verschiedene Prinzipien für den Investor aufgestellt. Am wichtigsten ist die so genannte Sicherheitsmarge (Margin of Safety): Der innere, oder auch wahre Wert eines Unternehmens sollte über dem derzeitigen Marktwert liegen. Erst wenn der Börsenkurs deutlich unter dem wahren, inneren Wert notiert – es sich also um ein unterbewertetes Unternehmen handelt – gelangt das Unternehmen auf die Kaufliste.
Graham entwickelt Methoden, die jeder Anleger nachvollziehen und auch anwenden kann. Wertpapieranalyse ist für ihn keine Kunst, sondern ein Zweig der Mathematik. Sein Ansatz ist rein mathematisch und hat den großen Vorteil der Objektivität und der Regelhaltigkeit.
„Ein Investment liegt vor, wenn nach gründlicher Analyse in erster Linie Sicherheit und dann eine zufriedenstellende Rendite steht.“
Graham kaufte grundsätzlich nur, wenn der börsennotierte Marktwert unter dem inneren, wahren Unternehmenswert lag.
Sein Motto: „Zahle nur 50 Cent für einen Dollar.“
Dann wartete Graham so lange, bis der Markt den wahren Wert erkannte.
Graham gab einen weiteren wichtigen Rat:
„Anleger sollten immer so handeln, als ob sie ein ganzes Unternehmen kaufen und nicht ein Stück Papier. Der Anleger soll eine Aktie dann verkaufen, wenn der Kurs den fairen Wert erreicht hat. Das kann durchaus auch dann geschehen, wenn der faire Wert des Unternehmens sich verringert, weil sich die Zukunftsaussichten verschlechtert haben.“

